Die große Zukunftsaufgabe Europas ist die Neugestaltung seiner Verhältnisse zur Welt. Gemeinsame Perspektiven können heute nicht mehr allein durch ein Mehr an Technologie, Geld oder Bodenschätzen gewonnen werden, sondern entstehen wesentlich aus reparativen Prozessen. Die größten Zerstörungen und Verwundungen – etwa Genozide, durch Kriege erzeugte Traumata, vernichtete Kulturgüter, die Folgen von Erderhitzung, Arten- oder Sprachensterben – sind jedoch irreparabel. Materielle und juristische Kompensationsprozesse erweisen sich hier als unabdingbar, reichen aber allein nicht aus. Kulturelle Praktiken der Reparation stellen demgegenüber eine Arbeit am Irreparablen dar. Ihre Bedeutung besteht darin, dass sie Vielschichtigkeit, Vieldeutigkeit und Vielstimmigkeit herstellen können. So lässt sich die Spannung zwischen irreparablen Zerstörungen und der Notwendigkeit, dennoch weiterzuleben, ausloten, erfahrbar machen und in etwas Neues wenden.

Aus dieser Forschungsperspektive ist die neue Open-Access-Reihe Cultural Reparations des Käte Hamburger Kollegs CURE entstanden. Die von Markus Messling und Christiane Solte-Gresser herausgegebene Reihe erscheint bei De Gruyter|Brill (Berlin, Boston) und dient der Veröffentlichung der aus Kolleg und seinem Kontext hervorgegangenen Forschungen zu kulturellen Praktiken der Reparation. Sie versammelt Monografien und Sammelbände mit Beiträgen aus den CURE-Symposien sowie weiteren vom Kolleg verantworteten wissenschaftlichen Veranstaltungen. Das Editorial Board der Reihe setzt sich aus den international bekannten Forscherinnen und Forschern des Wissenschaftlichen Beirats des Kollegs zusammen; veröffentlicht werden die Bände auf Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch oder wahlweise als mehrsprachige Publikation.

Zur Publikationsreihe

Folgende Bände sind neu erschienen:

Band 1: Reparation and Irreparability. Theoretical Approaches
Julien Jeusette, Hendrik Rungelrath, Laurens Schlicht, Hannah Steurer (Hrsg.)

Der auf Englisch publizierte Tagungsband zum ersten CURE-Symposium, der auch Beiträge auf Französisch enthält, richtet eine theoretische Perspektive auf kulturelle Praktiken der Reparation und ihren Umgang mit dem Irreparablen – z.B. in Literatur, Musik, Übersetzung oder Ritualen. Die Beiträge loten Reaktionen auf Erfahrungen der Verletzung aus, die über eine juristische oder ökonomische Antwort hinausgehen. Entstehen soll und kann dadurch keine einheitliche Theorie der Reparation. Es geht vielmehr darum, die Pluralität kultureller Praktiken sichtbar zu machen und Reparation als einen fortlaufenden, unabgeschlossenen und kontroversen Prozess zu begreifen.

Band 2: Shoah Dreams. Narrating the Irreparable
Christiane Solte-Gresser

Was lehren uns Träume über die Shoah? Träume sind in der Konzentrationslager-Literatur allgegenwärtig. Ob in dokumentarischen Zeugnissen (Beradt, Szittya, Cayrol), autobiografischen Texten (Antelme, Levi, Delbo, Wiesel, Semprun), dramatischen Werken (Fritsch, Eich) oder Romanen (Bachmann, Langfus, Foer) – der Traum spricht stets eine individuelle, ganz eigene Sprache. Zugleich zeugen die Texte aber auch von kollektiven Traumerfahrungen, wie etwa der gescheiterten Flucht, verwehrter Nahrung, verhindertem Erzählen oder dem plötzlichen Zurückversetzwerden ins Lager. Damit wird das Aufschreiben und Mitteilen von Träumen zu einer paradoxen Praxis der Reparation; nämlich zu einer fortwährenden Auseinandersetzung mit dem Irreparablen.