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Geerbte Scham: Verletzungen und Reparationen in hispanoamerikanischen Familienerzählungen

Récit de filiation bezeichnet eine literarische Form, mit der Autor:innen eine oder mehrere Personen aus früheren Generationen der eigenen Familie erforschen, um deren Geschichte nachzuzeichnen und sie in die umfassendere Geschichte ihres Landes einzuordnen. Im Mittelpunkt dieser Erzählungen stehen Erinnerung, Weitergabe und Erbe – sowohl im familiären als auch im kulturellen Sinne. Sie werden durch die unmittelbare Erfahrung der Erzähler:innen greifbar, die die Vergangenheit befragen, um ihre Gegenwart besser zu verstehen. Der gegenwärtige Aufschwung hispanoamerikanischer récits de filiation steht im Zeichen der Auseinandersetzung mit vielfältigen kulturellen Wunden: der Kolonialisierung und Marginalisierung der indigenen Bevölkerung, den Diktaturen der jüngeren Vergangenheit sowie der Gewalt im Zusammenhang mit Drogenhandel, politischer Korruption und Machismo. Auch wenn die meisten dieser Wunden unheilbar sind, geht das vorliegende Projekt von der Hypothese aus, dass das Genre dennoch zu Formen symbolischer Wiedergutmachung beiträgt, indem es das kulturelle Gedächtnis mittels Affekten wie Scham und Stolz neu gestaltet. Unter kulturellem Gedächtnis wird hier die Art und Weise verstanden, wie eine Gesellschaft die Vorstellungen von ihrer Vergangenheit ausgehend von den sozialen Rahmenbedingungen ihrer Gegenwart konstruiert, aktualisiert und weitergibt. So werden bestimmte Werte, die früher Anlass zum Stolz gaben – wie beispielsweise der Machismo –, heute mit einem beschämenden Erbe in Verbindung gebracht. Umgekehrt eignen sich die Nachkommen Aspekte ihrer eigenen Herkunft, die frühere Generationen als beschämend wahrnahmen – etwa indigene Vorfahren –, heute mit Stolz an.

DR. NICOLAS LICATA
CURRICULUM VITAE

Nicolas Licata wurde an der Universität Lüttich in Sprach-, Literatur- und Übersetzungswissenschaften promoviert und war dort von 2023 bis 2026 als Dozent tätig. Er unterrichtete Spanisch sowie Geschichte, Literatur und Kultur Hispanoamerikas. Er war Gastwissenschaftler an der Universität von Buenos Aires, der University of California in Los Angeles, am Colegio de México und an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, wo er von 2021 bis 2023 auch als Postdoktorand tätig war. Seine Arbeiten befassen sich mit der hispanoamerikanischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, insbesondere mit literarischen Selbstdarstellungen und der Fantastik, deren Schnittstellen er untersucht. Nach einer Monografie über die Autofiktionen des argentinischen Schriftstellers César Aira, die er im Lichte der Diktatur von 1976 bis 1983 analysierte, hat er seine Forschung auf die Praxis der Autofiktion bei mehreren mexikanischen Schriftsteller:innen ausgeweitet, die er unter den Gesichtspunkten des Körpers, des Geschlechts und der Affekte beleuchtete. Derzeit konzentriert er sich auf récits de filiation (Narrative der Filiation), in denen er die Darstellungen von Affekten und deren Rolle bei der Neukonfiguration des kulturellen Gedächtnisses untersucht.