Zwischen 1884 und 1945 entstand eine Literatur über Kamerun als deutsche Kolonie, die bislang weder von der kamerunischen Literaturgeschichtsschreibung – aufgrund der Sprachbarriere – noch von der deutschen Literaturgeschichte berücksichtigt wurde, zweifellos weil die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte stark im Rückstand ist. Auch wenn Deutschland die Kolonie Kamerun 1916 infolge des Ersten Weltkriegs verlor, lebte die Literatur des kolonialen Fernwehs im deutschen Literaturfeld ungebrochen fort. Wie lässt sich die Amnesie erklären, die heute auf dieser Kolonialliteratur lastet? Das Projekt holt diese Literatur aus der Vergessenheit und erstellt eine Bestandsaufnahme im Hinblick auf ihre Sammlung, Digitalisierung und Übersetzung ins Französische und Englische, um sie systematisch zu archivieren, wissenschaftlich zu untersuchen und vor allem in die Schul- und Hochschullehrpläne beider Länder einzubeziehen – als Teil eines gegenseitigen Prozesses der Aufarbeitung der Folgen des Kolonialismus. Welches heuristische Potenzial birgt diese Literatur für die Reflexion über unseren postkolonialen Kontext? Die Aufarbeitung des Kolonialismus bedeutet erstens, koloniale Gewalttaten in den Texten zu identifizieren und kritisch zu analysieren; zweitens, die Orte historischer Ungerechtigkeiten neu zu betrachten und zu versuchen, sie zu verstehen; drittens, die durch das koloniale Archiv zum Schweigen gebrachten Stimmen der Kolonisierten hörbar zu machen und das geraubte endogene Wissen wiederherzustellen; viertens, ein transkulturelles Gedächtnis zu fördern, das die Menschenwürde achtet.
UNIV-PROF. DR. ALBERT GOUAFFO
CURRICULUM VITAE
Albert Gouaffo studierte deutsche Literatur und Kultur sowie frankophone afrikanische Literatur an der Universität Yaoundé in Kamerun. Anschließend setzte er sein Studium in Deutschland an der Universität Hannover fort. 1997 promovierte er und erlangte 2006 an der Universität des Saarlandes die Habilitation. Seine Doktorarbeit befasste sich mit der Übersetzung frankophoner afrikanischer Literatur ins Deutsche und deren kritischer Rezeption, seine Habilitationsschrift mit kulturellen Transferprozessen im kolonialen Kontext – am Beispiel Kameruns und Deutschlands zwischen 1884 und 1919. Seit 1998 lehrt er deutsche Literatur und Kultur sowie interkulturelle Kommunikation an der Universität Dschang in Kamerun. Seit 2016 koordiniert er als Forschungsleiter (PI) transnationale Projekte, darunter „Reverse History of Collection: Mapping Cameroonian Cultural Goods in German Museums 1884–1919“ (DFG-finanziert) und „Restitution of Dignity? Human Remains – Colonialism – Humanity“ sowie „Epistemic Pluralities: Reconnecting Objects in and Beyond the Museums“ (finanziert von der VolkswagenStiftung). Zudem ist er Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beiräte, darunter des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Er ist Preisträger des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preises des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für das Jahr 2025.
