Markus Messling: Kulturtod und Reparation: Der Fall Champollion
Fröhliche Wissenschaft 267
Reihe Reparationen, Band 1 (hrsg. von Markus Messling und Christiane Solte-Gresser)

Der Fuß auf dem Kopf eines Pharaos: Die Statue Jean-François Champollions im Ehrenhof des renommierten Collège de France ist zum Stein des Anstoßes geworden. Um 1870 von Frédéric-Auguste Bartholdi geschaffen – dem Bildhauer der Freiheitsstatue von New York –, ist ihr Bildprogramm widersprüchlich: Erdacht als heroisches Denkmal des Willens zum Wissen, liegt über ihr zugleich ein tragischer Schatten, der auf Champollions krisenhaftes Weltbewusstsein verweist. Gefeiert für die Entzifferung der Hieroglyphen und eine neue Geschichte der Menschheit, machte Champollion zwischen 1827 und 1829 bei Begegnungen mit Angehörigen der nordamerikanischen Osage-Nation in Paris und während seines Aufenthalts in Ägypten prägende Erfahrungen mit kolonialer Gesellschaftszerstörung und Kulturtod, die eng mit jenem Verständnis von Weltwissen verknüpft waren, dem er selbst Aufstieg und Ruhm verdankte. Champollions Zweifel und sein Handeln werfen Fragen auf, die CURE-Direktor Markus Messling zum Ausgangspunkt nimmt, um über die Grundlagen der europäischen Gegenwart nachzudenken. 

„Markus Messling stellt eine grundlegende Frage: Wie sollen wir uns angesichts der heutigen Welt die Form der Universalität als ethischen Anspruch, als erkenntnistheoretische Perspektive, als politisches Projekt vorstellen? Universalität, betont er, ist das Rätsel, auf das wir nicht verzichten können. Messling fächert Bartholdis Champollion-Statue als Allegorie der Aufklärung, als Zeugin imperialer Übel und als Denkmal für die Verflechtung von Wissen und Zweifel auf – und zeigt so, dass nur eine Idee von Universalität, die als tragische Tugend verstanden wird, uns angemessen auf die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten der Gegenwart einstimmen kann.“
David Scott (Columbia University)

Markus Messling: Kulturtod und Reparation: Der Fall Champollion. Matthes & Seitz Berlin, 2026 (Fröhliche Wissenschaft).
Bd. 1 der Reihe Reparationen, hrsg. von Markus Messling & Christiane Solte-Gresser

Ausgangspunkt der neuen Publikationsreihe des Käte Hamburger Kollegs CURE ist die Frage, wie sich die Zerstörungen unserer Welt reparieren lassen. Genozide, die Folgen des Kolonialismus, Kriegstraumata, Sprachen- und Artensterben oder Erderhitzung sind irreparabel. So wichtig materielle und juristische Reparationsbemühungen auch sind, um Ungerechtigkeit zu kompensieren, sie alleine reichen für eine gemeinsame Zukunftsperspektive nicht aus. Demgegenüber stellen kulturelle Praktiken eine vielschichtige und vielstimmige Arbeit am Irreparablen dar, in der Möglichkeiten des Weiterlebens ausgelotet werden. Mit ihnen das Verhältnis zur Welt neu zu denken und zu gestalten, ist die Zukunftsaufgabe Europas.

Die Reihe erscheint im handlichen Essayformat der „Fröhlichen Wissenschaft“, die in knapper Form große Gedanken, komplexe Reflexionen und nachdenkliche Betrachtungen auf den Punkt bringen.

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