Dieses Projekt befasst sich mit den klanglichen und körperlichen Hierarchien innerhalb des klassischen Odissi-Kanons, insbesondere anhand einer Analyse von Sharmila Biswas’ Choreografie Dhuli Khel (1990). Dhuli Khel (wörtlich übersetzt „Das Spiel des Staubs“) integriert Perkussionsrepertoires von kastenunterdrückten Gemeinschaften aus Odisha. Im klassischen indischen Tanz spielt die Perkussion sowohl in der Pädagogik als auch in der Aufführung eine zentrale Rolle. Das in klassischen Tanzformen verwendete Perkussionsinstrument Mardala wird institutionell als „klassisches“ Instrument eingestuft und traditionell mit Musizierenden der oberen Brahmanen-Kaste sowie mit Tempelritualen in Verbindung gebracht. Im Gegensatz dazu bezieht Dhuli Khel Instrumente wie Khol, Nishan, Ganda Baja und Dom Baja ein, die historisch von den kastenunterdrückten Ganda- und Ghasiyan-Gruppen gespielt wurden, sowie jene Perkussionist:innen, die beim Spielen der Instrumente tanzen. Ihre Einbeziehung in ein klassisches Tanzsystem wie Odissi destabilisiert die ästhetischen und sozialen Hierarchien, die der Kategorie des „Klassischen“ zugrunde liegen. Diese Intervention macht zudem deutlich, wie der Begriff des „Klassischen“ in brahmanischen (der obersten Kaste angehörenden) Ideologien der Reinheit verankert ist, die Unterscheidungen zwischen als „rein“ geltenden brahmanischen Körpern und nicht-brahmanischen, insbesondere Dalit- und anderen kastenunterdrückten Körpern treffen, die als „unrein“ gekennzeichnet und oft aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit und ihres Berufs kriminalisiert werden. Mit dem Fokus auf diese klanglichen Wechselbeziehungen untersucht das Forschungsprojekt, wie Odissi-Choreografien subalterne Körper und künstlerische Arbeit gleichzeitig mobilisieren, hervorheben oder zum Schweigen bringen und wie diese Aushandlungen das interkulturelle Zusammenleben innerhalb der stratifizierten Kulturlandschaft Indiens gestalten.
DR. SINJINI CHATTERJEE
CURRICULUM VITAE
Sinjini Chatterjee forscht im Bereich der kritischen Dance und Performance Studies. Sie war Postdoktorandin am Department of Dance Studies der Ohio State University und promovierte in Critical Dance Studies an der University of California, Riverside. Ihre Forschung verfolgt die Wechselbeziehungen zwischen dem Odissi-Tanz (einem südasiatischen „klassischen“ Tanzstil aus dem indischen Bundesstaat Odisha) und anderen nicht-klassischen volkstümlichen, tribalen und rituellen Performancepraktiken in Odisha. Ihre Arbeit wurde durch das Fellowship der New York Public Library, ein Forschungsstipendium an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, und von der International Federation for Theatre Research (IFTR), der Association of Theatre in Higher Education (ATHE), der Coca-Cola-Stiftung sowie der Kellogg-Stiftung gefördert. Chatterjee hat fünfzehn Jahre lang unter der Anleitung von Smt. Aloka Kanungo Odissi-Tanz trainiert und ist in Indien und in Großbritannien vielfach aufgetreten.
