Oder: Was bedeuten „Reparieren“ und „Reparation“, „Réparer“ und „Réparation“?

Im Fellow-Jahrgang 2025/2026 ergab sich die glückliche Fügung, dass ich mit einem Projekt zum „Übersetzen als Reparation“ am Käte Hamburger Kolleg für kulturelle Praktiken der Reparation arbeiten konnte, wo zwei Übersetzer zum festen Stamm an Mitarbeitern gehören und die Vielsprachigkeit des Kollegs in all seinen Veröffentlichungen ermöglichen: Michael Thomas Taylor und Slaven Waelti sorgen dafür, dass das Englische wie das Französische neben dem Deutschen selbstverständlich als Verkehrssprache benutzt werden kann. Aus unseren Gesprächen ergab sich die Frage, was überhaupt die Begriffe bedeuten, die der Institution, in der wir arbeiten, ihren Namen geben. Ausgehend von unseren Gesprächen zu dritt schreibt Michael Thomas Taylor über die Übersetzbarkeit von „Kolleg“, „Center“ und „Centre“ sowie über die damit verbunden Risiken und Nebenwirkungen; Slaven Waelti widmet sich dem Begriff der „pratique culturelle“. Meine Überlegungen kreisen um die Begriffe „Reparation/reparieren“ und „réparation/réparer“.

Was der Begriff der „Reparation“ für die Forschungsarbeit im Kolleg meint, darüber gibt es einige Literatur, sei es mit historischem oder kulturwissenschaftlichem Fokus.1 Als übersetzender Philologe nähere ich mich von anderer Seite und frage mich: Woher kommt überhaupt der Begriff „Reparation“? Ich möchte die Frage in zwei Anläufen beantworten, in denen ich die Etymologien und die sich aus ihnen ergebenden semantischen Felder im Deutschen und im Französischen miteinander vergleiche.

Die lateinischen Worte „parāre“ mit der Bedeutung „(zu)bereiten, Vorkehrungen treffen, erwerben“ sowie lateinisch „reparāre“ für „wiedererwerben, wiederherstellen, erneuern“ stehen am Anfang der Wanderung des Wortstamms durch die europäischen Sprachen, so die Erklärung im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen.2 Ab dem 16. Jahrhundert ist „reparieren“ im Sinne von „ausbessern, instandsetzen“ nachgewiesen; ab dem 17. Jahrhundert findet sich „Reparierung“, woraus im 18. Jahrhundert „Reparatur“ wird, möglicherweise auch als Entlehnung aus mittellateinisch „reparatura“.

Der Terminus „Reparation“ ist bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in gleicher Bedeutung wie heutzutage „Reparatur“ gebräuchlich, bevor er nach dem Ersten Weltkrieg bevorzugt im Plural („Reparationen“) und allein in der Bedeutung „Kriegsentschädigung, Wiedergutmachungsleistung an den Sieger“ benutzt wird. In den 1920er Jahren sehen wir demnach eine bis heute nachwirkende Bedeutungsverschiebung: von der positiv konnotierten Tätigkeit, mit der man etwas wiederherstellt, zum negativ erfahrenen Zwang, dem ehemaligen Kriegsgegner Milliardenwerte zu überweisen. Eine Rolle gespielt haben wird auch die direkte Bedeutungsübertragung aus dem Französischen, also aus der Sprache des Kriegsgegners, der mit der Besetzung des Ruhrgebiets (1923 bis 1925) nachdrücklich seine „réparations“ einforderte.

So zeigt allein der Blick in ein etymologisches Wörterbuch des Deutschen, welche Last dem Begriff „Reparation“ im Deutschen eingeschrieben, wie nötig demnach seine kritische Reflexion in einer Institution zur Erforschung kultureller Praktiken der Reparation ist: Weil die historischen Strate des Begriffs quer liegen zu seiner heutigen Verwendung im politischen und kulturellen Diskurs. Denn offensichtlich ist „Reparation“ im Deutschen eng verknüpft mit der (traumatischen) Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie der nachfolgenden Schmach der Reparationszahlungen, den damit verbundenen Phasen der Hyperinflation sowie letztlich mit der sogenannten „Schande von Versailles“ (der Zuschreibung der Kriegsschuld allein an das Deutsche Reich, was die entscheidende Begründung lieferte für die Pflicht zu Reparationszahlungen). Der Begriff „Reparation“ ist damit immer auch Teil der Erzählung vom Scheitern der Weimarer Republik, vom Aufstieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Sehr aufschlussreich im Hinblick auf die Verwendung im Deutschen ist auch die „Wordcloud“, die das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften generiert. Die im Zusammenhang mit „Reparation“ am häufigsten auftauchenden 29 Lemmata lauten wie folgt: 

Besatzungszone Demontage drückend eintreiben Entnahme Entschädigungszahlung Forderung geleistet Gesamthöhe Gesamtsumme Gräuel herauspressen Kriegsschaden Kriegsschuld Kriegszerstörung Kriegszustand leistend Milliardenhöhe Restitution Siegermacht Sklavenhandel Sklaverei Streichung Verzicht Vorgriff Wiedergutmachung zahlen Zahlung Zwangsanleihe.3

Dass angesichts der deutschen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts solche aus Frequenzanalysen generierten Verknüpfungen bestehen, ist wenig überraschend. Zwei verlorene Weltkriege in einem Jahrhundert und die sich aus den Niederlagen ergebenden Reparationsverpflichtungen hinterlassen Spuren im Sprachgebrauch. Zugleich gibt dieser semantische Ballast einen Hinweis, warum der Begriff „Reparation“ und seine in den letzten Jahren zu beobachtende Verwendung im Kontext von Restitution postkolonialen Raubguts nicht recht passend klingt: Von den 29 Begriffen der „Wordcloud“ beziehen sich nur 2 („Sklaverei, Sklavenhandel“) eindeutig auf koloniale Kontexte. Anders gesagt: „Reparation“ ist nach wie vor zu über 90% im Zusammenhang mit Krieg und Kriegsfolgen im Gebrauch. Und „die Bedeutung eines Wortes ist“ laut Ludwig Wittgenstein nun einmal „sein Gebrauch in der Sprache“.4

Befragt man den Dictionnaire de l’Académie française zu „réparation“, sortiert sich ein im Französischen ganz anderes Bedeutungsfeld.5 Gebräuchlich seit dem 14. Jahrhundert, leitet sich das Wort aus dem religiösen Gebrauch des Lateinischen („reparatio“) im Sinn von „rédemtion“ (Erlösung) ab: Was den Katholiken nicht überrascht, kann er doch – einmal in Sünde gefallen – nach der Beichte „erlöst von seinen Sünden“ wieder in den Stand der Gnade treten; die Kirche denkt „reparieren“ demnach als 100%ige Wiederherstellung eines vorgängig makellosen Zustandes.6 In den folgenden Jahrhunderten entwickelt sich die Alltagsbedeutung i. S. v. von „Reparatur“: „remise en état de ce qui a été endommagé, de ce qui ne foncionne plus“. Heute ist „réparation“ gebräuchlich in der Fußballsprache („tir de réparation“, versehen mit dem sprachpolitischen Hinweis: „doit être préferé au mot Penalty“), im religiösen Umfeld („une prière de réparation, pour compenser un péché“) sowie im juristischen Verkehr („réparation, décidée par un tribunal en faveur de la personne qui a subi un préjudice material ou moral, et dont l’exécution incombe à la personne qui en est responsable“). Ganz am Ende des Eintrags findet sich, abgeleitet aus der juristischen Semantik, schließlich jene Bedeutung, die im Deutschen die vorherrschende ist: „Réparations de guerre, versées par un État à un autre État en remboursement des dommages de guerre qu’il lui a infligés. […] Les réparations, nom donné à la contribution, en argent et en matériel, imposée à l’Allemagne par le traité de Versailles en 1919.”

Nicht nur historisch, auch etymologisch sind Frankreich und Deutschland also über die miteinander verschränkte Sprachgeschichte der Begriffe „Reparation – Réparation“ auf das Engste miteinander verbunden.

Älter als das Substantiv ist das Verb „réparer“. Laut Dictionnaire de l’Académie française ist das Wort belegt ab dem 12. Jahrhundert, abgeleitet von dem Adjektiv „pair“ (gleich), mit der Bedeutung „préparer de nouveau, remettre en état, rétablir“. „Remettre en état“: Das Verb bezeichnet also eine Tätigkeit, mit der man etwas einem (vorgängigen) Zustand wieder anzugleichen sucht.7

Das Verb „réparer“ steht aber auch im Bezug zum Substantiv „pair“, „der oder das Gleiche“, ebenfalls aus dem Lateinischen kommend („par“, „paris“). Die Bedeutung, nachgewiesen ab dem 12. Jahrhundert, lautet: „Être ou objet égal, semblable, pareil à un autre“. „Sowie: Personne de même condition, de même rang ou de même fonction. Vivre avec ses pairs. Être jugé par ses pairs.“8 In der akademischen Welt kennt man letztere Bedeutung von der „peer review“, wenn man von seinen „pairs“ bzw. „peers“, also den Wissenschaftlern gleichen Rangs und gleicher Forschungsrichtung, begutachtet wird.9

Wie im Eintrag von Michael Thomas Taylor sehen wir, dass die Übersetzung des Namens unseres Käte Hamburger Kollegs immer nur eine vorläufige Lösung bieten kann: Übersetzen als unabschließbare Aufgabe, idealerweise im kontinuierlichen Austausch zwischen denen, die schreiben, und denen, die übersetzen – so wie es das Kolleg tagtäglich praktiziert.

Vom diesem so schwer zu übersetzenden historischen Echoraum der „Reparation“ lässt sich die Verbindung ziehen zu jener Bedeutung von „reparieren“, von der ausgehend ich über die Praxis des Übersetzens nachdenke.10 Mir gefällt die feine Verbindung, die im Französischen zwischen „ré-parer“ und den „pairs“ aufscheint, den Gleichen, die das „Reparieren“ ins Werk setzen: Gleichwertige Subjekte, „Personen gleichen Rangs“, bearbeiten etwas gemeinsam. Zusammen, von Gleich zu Gleich, versuchen sie, etwas wieder ins Gleichgewicht bringen. Nicht fixiert auf asymmetrische Machtbeziehungen im Übersetzungsgeschäft, sondern mit Blick auf die vertrauensvolle Kooperation von Übersetzerin und Autorin ließe sich die ideale Praxis des Übersetzens so beschreiben: als gemeinsame Arbeit daran, dass nach einigen Runden von Frage und Antwort, im Austausch „von gleich zu gleich“, am vorläufigen Ende die Übersetzung semantisch in einem Gleichgewicht zu ihrem Ausgangstext steht. Dieses idealerweise im Dialog arbeitende Duo von Autorin und Übersetzerin ist es,11 das die eigentliche Leistung des sprachlichen Transfers ermöglicht und ins Werk setzt. – An anderer Stelle habe ich diese These am Beispiel der übersetzend schreibenden Zusammenarbeit von Eugen Helmlé und Georges Perec zu belegen versucht.12

Albrecht Buschmann


1. David Scott, Irreparable Evil. An Essay in Moral and Reparatory History(Columbia University Press, 2024); Markus Messling und Christiane Solte-Gresser, „The Art of Reparation: On Crisis, Ressentiment, and the Power of Creativity”, inThe True Size of Africa, hrsg. von Ralf Beil, Markus Messling und Christiane Solte-Gresser (Hirmer/Chicago University Press, 2025), 484-498; Markus Messling und Christiane Solte-Gresser, „Qu’est-ce qu’une pratique culturelle de réparation? La stèle d’Axoum et L’icona d’Igiaba Scego“, in Reparation, Restitution, and the Politics of Memory/Réparation, restitution et les politiques de la mémoire, hrsg. von Mario Laarmann u. a. (De Gruyter, 2023), 33-61,https://doi.org/10.1515/9783110799514-003; Kader Attia, „La réparation, c’est la conscience de la blessure”, in Décolonisons les arts!, hrsg. von Leila Cukierman, Gerty Dambury und Françoise Vergès (L’Arche, 2018), 11-14.
2. „Reparieren“, in Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 11. September 2026, https://www.dwds.de/wb/etymwb/reparieren.
3. „Wordcloud“ zum Begriff „Reparation“ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 15. Juli 2026, https://www.dwds.de/.
4. Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (Suhrkamp, 1982), § 43.
5, „Réparation“, in Dictionnaire de l’Académie française (9ème édition, 2024), abgerufen am 15. Juli 2026, https://dictionnaire-academie.fr/article/A9R1819.
6. Ich danke Julien Jeusette für den Hinweis auf diese kulturelle Praxis des rückstandslosen Vergessens in seinem Glossareintrag.
7. „Réparer“, in Dictionnaire de l’Académie française (9ème édition, 2024), abgerufen am 15. Juli 2026, https://dictionnaire-academie.fr/article/A9R1820.
8. „Pair“, in Dictionnaire de l’Académie française (9ème édition, 2024), abgerufen am 11. September 2026, https://www.dictionnaire-academie.fr/article/A9P0084.
9. „Peer, N. & Adj., Etymology“, in Oxford English Dictionary, (Oxford University Press, 2026), https://doi.org/10.1093/OED/3946403684.
10. In der postkolonialen Übersetzungsforschung, deren Interesse vor allem den Machtverhältnissen bei der Zirkulation von Weltliteratur gilt, wird ebenfalls über „Übersetzen als Reparation“ nachgedacht: vgl. Paul F. Bandia, Translation as Reparation. Writing and Translation in Postcolonial Africa (Routledge, 2008); Chris Song, „Toward Sinophone Translation: Contextualizing Reparative Translation Through Sinophone Studies and Double Decolonization“, in Reparation and Irreparability: Theoretical Approaches, hrsg. von Julien Jeusette, Hendrik Rungelrath, Laurens Schlicht und Hannah Steurer (De Gruyter, 2026),151–169, https://doi.org/10.1515/9783112234266-010; Emily Apter, „Afterword: Towards a Theory of Reparative Translation“, in The Work of World Literature (ICI Berlin Press, 2021), hrsg. von Francesco Giusti und Benjamin Lewis Robinson, 209–28, https://doi.org/10.37050/ci-19_09.
11. Kooperatives Übersetzen zu zweit: Dafür hat die arabische Sprache sogar eine eigene grammatikalische Form, den Dual, wie Slaven Waelti in seinem Eintrag hervorhebt.
12. CURE, « Übersetzen als Reparation. Eugen Helmlé und Georges Perec. Käte Hamburger Lecture mit Albrecht Buschmann », abgerufen am 11. September 2026, https://cure.uni-saarland.de/veranstaltungen/uebersetzen-als-reparation/.


Buschmann, Albrecht, « Übersetzen », Réparer. Glossaire des pratiques culturelles de réparation, 11.09.2026, https://cure.uni-saarland.de/fr/mediatheque/glossaire/uebersetzen/.


© KHK CURE

Prof. Dr. Albrecht Buschmann

Albrecht Buschmann ist seit 2010 Professor für spanische und französische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Rostock. Zuvor unterrichtete er an der Universität des Saarlandes und an der Universität Potsdam. Zusammen mit Stefanie Gerhold übersetzte er Max Aubs Romanzyklus Das Magische Labyrinth (Übersetzerpreis der Spanischen Botschaft 2003) und widmet sich in seiner Forschung der Literatur des republikanischen Exils. Hierzu arbeitet er aktuell in der DFG-Forschungsgruppe „TransExil: Verhandlungen von Ästhetik und Gemeinschaft im postrevolutionären Mexiko“. Weitere Forschungsschwerpunkte sind die Darstellbarkeit von Gewalt in sozialer Nähe (etwa Literatur über Bürgerkriege, Drogengewalt oder lateinamerikanische Diktaturen) sowie Theorie und Praxis des Literaturübersetzens. Dabei interessiert ihn vor allem die Kulturgeschichte des Übersetzens und deren Verschränkung mit transkultureller Wissensgeschichte.