Das heutige Äquatorialguinea war bis 1968 die einzige spanische Kolonie im subsaharischen Afrika. Unmittelbar nach der formalen Unabhängigkeit der sogenannten Territorios Españoles del Golfo de Guinea am 12. Oktober 1968 errichtete Francisco Macías Nguema, der erste Präsident der neu geschaffenen República de Guinea Ecuatorial, ein brutales Terrorregime, dem Schätzungen zufolge mindestens 40.000 Menschen zum Opfer fielen. Am 3. August 1979 wurde Macías durch einen Staatsstreich unter der Führung seines Neffen, Teodoro Obiang Nguema, gestürzt, der das Land bis heute autoritär regiert.1

Anders als etwa im benachbarten Portugal blieben der Kolonialismus im subsaharischen Afrika und seine Traumata nichts weiter als eine „footnote in the history of Spain’s transition to democracy“2, wie Ribeiro de Meneses bilanziert. Diese Feststellung ist umso bemerkenswerter, als die kolonialen Aktivitäten Spaniens am Golf von Guinea ihre Hochphase in den 1940er- bis 1960er-Jahren erreichten und somit in die Zeit der Diktatur Francisco Francos fallen Während in Spanien die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franquismus auf unterschiedlichen Ebenen intensiv vorangetrieben wird, verharren der spanische Kolonialismus und seine Nachwirkungen im öffentlichen Diskurs weitgehend im Schatten – obgleich sie, tief von der franquistischen Ideologie geprägt, bis heute spürbare, irreparable Verletzungen hinterlassen haben.

Unlängst wurde dies in Zusammenhang mit der im Herbst 2022 verabschiedeten Ley de Memoria Democrática („Gesetzt über die Demokratische Erinnerung“) deutlich, die die bis dahin geltende Ley de Memoria Histórica („Gesetz über die Historische Erinnerung“) ersetzte. Ziel des novellierten Gesetzes ist es, allen Opfern des spanischen Bürgerkriegs und Franquismus insbesondere symbolische und juristische Formen der Reparationen zukommen zu lassen, etwa durch institutionelle Anerkennung des erlittenen Unrechts, die Aufarbeitung und Dokumentation der historischen Ereignisse, die erleichterte bzw. nachträgliche Verleihung der spanischen Staatsbürgerschaft an Nachkommen von Exilierten sowie die rechtliche Rehabilitierung der Opfer, insbesondere durch die Annullierung von Urteilen aus der Zeit des Franquismus.3 Doch die Leidtragenden des spanischen Kolonialismus in Äquatorialguinea werden mit keinem Wort erwähnt, obgleich der autochthonen Bevölkerung in der Kolonie ab 1959 formal die spanische Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. Die vielbeschworene recuperación de la memoria histórica4 konzentriert sich primär auf das „spanische Mutterland“ und blendet dabei die koloniale Dimension des Franquismus und seine postkolonialen Nachwirkungen aus.

Dass sich in Spanien keine nachhaltige Erinnerungskultur hinsichtlich des subsaharischen Afrikas herausgebildet hat, ist auf mehrere Faktoren zurückführen: Neben der geringen Größe und marginalen (ökonomischen) Bedeutung der Kolonie sowie einem von Francisco Franco ab 1971 verhängten Informationsverbot lässt sich sicherlich das Ausbleiben bewaffneter Konflikte als relevante Begründung für die Amnesie heranziehen. Die größtenteils militärfreie Dekolonisierung Äquatorialguineas hatte keine spürbaren Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Spanien: „Il n’y eut donc pas de traumatisme collectif autour duquel pouvait se modeler la mémoire de toute une génération“5, urteilt Pardo diesbezüglich. Diese Einschätzung greift eine zutiefst eurozentrische Perspektive auf, der zufolge die Kolonisierung und Dekolonisierung Äquatorialguineas für die europäischen Akteure keine traumatische Zäsur darstellten und daher leicht in Vergessenheit geraten konnten.

Der Umgang der Äquatorialguineerinnen und Äquatorialguineer mit dem spanischen Erbe ist indes ein gänzlich entgegengesetzter. Trotz der sich hartnäckig haltenden Legende eines „colonialismo light“6 sah sich die autochthone Bevölkerung seit Beginn des spanischen Imperialismus am Golf von Guinea im 18. Jahrhundert einer traumatogenen Unterdrückungssituation ausgesetzt, die sich in Gestalt der beiden nachkolonialen Unrechtsregime bis heute fortsetzt.

Die Wucht der diktatorischen Repression hat eine Verklärung des kolonialen Unrechts begünstigt, das im Vergleich zur Brutalität der Macías- und Obiang-Diktaturen als weniger schwerwiegend wahrgenommen wird. Am deutlichsten zeigt sich dies an der inzwischen in großem Umfang vorliegenden fiktionalen Literatur zu der Zeit nach 1968. Diese Werke entwerfen angesichts der irreparablen Wunden der nachkolonialen Diktaturen eine kulturelle Praxis der Reparation, die nicht nur der zuvor beschriebenen mangelnden institutionellen Berücksichtigung des Landes entgegentritt, sondern in vielen Fällen auch Wege aufzeigt, wie ein Weiterleben trotz erlittener Traumata möglich sein kann und dabei zugleich die Potenziale und Grenzen poetisch-fiktionaler Texte in diesem Zusammenhang reflektiert. Bereits in seiner 1984 erschienenen Antología de la literatura guineana diagnostiziert Donato Ndongo-Bidyogo, seines Zeichens einer der profiliertesten Schriftsteller Äquatorial­guineas und Pionier der hispanoguineischen Literaturgeschichtsschreibung, eine regelrechte „obsesión“7 („Bessenheit“) dieser Literatur mit der Macías-Herrschaft und deren Nachwirkungen. Ndongos Einschätzung hat nichts an Relevanz verloren. So gibt der Poet Djongele Bokokó mit Blick auf den Diskurs zum zeitgenössischen Äquatorialguinea zu bedenken: „Hablar de Guinea Ecuatorial es repetirse“8 („Über Äquatorialguinea zu sprechen, heißt, sich zu wiederholen“). Dieses anhaltende Rekurrieren auf die Diktaturen ist Ausdruck einer Notwendigkeit, sich mit den traumatischen Gewalterfahrungen auseinandersetzen zu müssen. Gerade weil es die spanische Politik und der Kulturbetrieb bislang versäumt haben, Äquatorialguinea einen angemessenen Platz in der Erinnerungskultur der ehemaligen Kolonialmacht einzuräumen, sehen sich Intellektuelle äquatorialguineischer Herkunft umso stärker veranlasst, diese Lücke zu füllen.

Die vielfältigen kulturellen Reaktionen (narrative, lyrische und dramatische Texte, aber auch Comics und Filme) auf die beiden postkolonialen Diktaturen in Äquatorialguinea lassen sich mit den Worten des bereits zitierten Donato Ndongo-Bidyogo, der seit den 1980er-Jahren im spanischen Exil lebt, als eine wirksame Bewältigungsstrategie verstehen: 

En lugar de acudir a un psicólogo que, seguro, en nada me ayudaría, por carecer de referencias culturales para siquiera comprender nuestros traumas [...], volqué las angustias en los libros.9

(Anstatt einen Psychologen aufzusuchen, der mir sicher in keiner Weise hätte helfen können, da ihm die kulturellen Bezugspunkte fehlen, um überhaupt unsere Traumata zu verstehen [...], entlud ich meine Ängste in Büchern.)

Für Ndongo scheinen westliche Formen der Traumaverarbeitung wie der Gang zu einem Psychologen nicht geeignet zu sein, um die Traumata der Äquatorialguineerinnen und Äquatorialguineer adäquat bearbeiten zu können. Stattdessen ist es das Schreiben, dem Ndongo die Funktion einer heilsamen Katharsis beimisst, wie er an anderer Stelle ergänzt: „La escritura es, pues, para nosotros, una catarsis. Una catarsis que no rehúye la realidad, sino que la afronta con todas las consecuencias“10 („Das Schreiben ist für uns also eine Katharsis. Eine Katharsis, die der Realität nicht ausweicht, sondern sich ihr mit allen Konsequenzen stellt“). In seinem Zitat skizziert Ndongo zugleich ein zentrales Charakteristikum nicht nur seiner eigenen, sondern der allermeisten in den 1980er- und 1990er-Jahren entstandenen Erzähltexte über die äquatorialguineischen Diktaturen: ihre ausgeprägten realistischen Darstellungsweisen.

Als Gründungstext der hispanoguineischen Diktaturverarbeitung gilt Juan Balboa Bonekes 1985 erschienener Roman El reencuentro. El retorno del exiliado11. Das Werk kreist um die Suche nach angemessenen Darstellungsformen: Sein testimonialer Stil verweist einerseits auf die Notwendigkeit, die außerliterarische Wirklichkeit der Macías-Herrschaft erst zu erschließen, während die inkohärenten Beobachtungen des autodiegetischen Erzählers die Schwierigkeit zeigen, das Traumatische narrativ zu ordnen, sodass der Roman in metafiktionaler Brechung letztlich sein eigenes Unvermögen reflektiert, dem Traumatischen vollumfänglich Ausdruck zu verleihen.

Zu den zentralen Schlüsselwerken der hispanoguineischen Diktaturverarbeitung zählt Donato Ndongo-Bidyogos vielfach rezipierter Roman Los poderes de la tempestad (1997)12. Der Text nähert sich der Brutalität der Macías-Herrschaft mittels eines grotesk-hypertrophen Realismus, reflektiert jedoch zugleich die durch das Traumatische bedingte Zersplitterung von Erinnerung. Der Roman dekonstruiert die Einheit der Erzählerstimme, indem er der autodiegetischen Instanz einen zweiten Diskurs in Form der Du-Anrede zur Seite stellt und so das artikuliert, was der Perspektive des Ichs entzogen bleibt. Es entsteht eine Ästhetik, die einerseits dem Bedürfnis nach dokumentarischen Repräsentationsweisen gerecht wird und zugleich die Problematik der Sagbarkeit des Traumatischen berücksichtigt.

Fragmentarisch bleiben auch die Erinnerungen des Protagonisten in Mbomío Bachengs Roman Huellas bajo tierra (1998)13. Der als fiktives Tagebuch konzipierte Text verzichtet auf Totalität und formt in seiner bruchstückhaften Ästhetik die durch Gewalterfahrung zersplitterte Identität des Erzählers literarisch aus. Entsprechend versteht sich der Roman, dessen Titel mit „Spuren unter der Erde“ oder „Verborgene Spuren“ übersetzt werden könnte, als lose Folge unvollständiger Eindrücke, die nur schemenhafte Spuren einer traumatisierten Subjektivität freilegen.

Während der realistisch-referenzielle Modus in den bislang besprochenen Diktaturfiktionen nur episodisch durchbrochen wird, unterstellt José Fernando Siale Djangany in seinem Roman Autorretrato con un infiel (2007)14 die außerliterarische Wirklichkeit konsequent der Eigengesetzlichkeit des Fiktionalen. Der Text verschränkt Fantastisches und Reales zu einem komplexen Gefüge: Das realweltliche Substrat bleibt meist erkennbar, doch verliert historische Exaktheit an Gewicht, und die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie zwischen kolonialem und postkolonialem Unrecht wird nivelliert. Siales Schreiben zeugt von dem Bestreben, sich von der Dominanz okzidentaler Realismen zu lösen und westliche Wissenschaft mit autochthoner Kosmologie in ein produktives Spannungsverhältnis zu setzen.

Die erwähnten Romane erfassen nur einen Bruchteil der literarischen Auseinandersetzung mit den äquatorialguineischen Diktaturen, die etwa auch von Stimmen wie Juan Tomás Ávila Laurel und Melibea Obono maßgeblich geprägt wird. Weitere zentrale Autorinnen und Autoren wie Juan Tomás Ávila Laurel oder Melibea Obono seien an dieser Stelle noch erwähnt. Die große Bandbreite literarischer Auseinandersetzungen mit den Unrechtsregimen zeigt jedoch: Entgegen jedem Topos der Unsagbarkeit wirken die bestürzenden Erfahrungen staatlicher Gewalt im postkolonialen Äquatorialguinea als produktive Triebkraft des künstlerischen Schaffens, das sich ständig aktualisiert und nach neuen Ausdrucksformen strebt. Deutlich zeigt sich dies nicht zuletzt in den Werken vieler zeitgenössischer äquatorialguineischer Nachwuchsschriftstellerinnen und -schriftsteller, die – geprägt von eigenen traumatogenen Erfahrungen in ihrer weiterhin autoritär regierten Heimat – der Frage nachgehen, wie sich mit irreparablen Verletzungen umgehen lässt. In seinem Gedicht „¡Quiero ser libre!“ („Ich will frei sein“) versucht sich José Ma Ntutumu Mbá Bindang an einer Antwort: „Duro es el camino que lleva a la libertad / las heridas, incurables, /el sufrimiento, inolvidable. / Sólo sé que vale la pena recorrerlo“15 („Hart ist der Weg, der zur Freiheit führt / die Wunden unheilbar, / das Leiden unvergesslich. / Ich weiß nur, dass es sich lohnt, ihn zu gehen“). Um das Traumatische bewältigbar zu machen, muss es in einen sinnstiftenden Kontext eingebettet und als Teil eines übergeordneten Bedeutungszusammenhangs verstanden werden: „Sólo sé que vale la pena recorrerlo“ formuliert das lyrische Ich seinen zukunftsgerichteten, absoluten Überlebenswillen, durch den es traumabedingte Ohnmacht überwindet, seine Handlungsmacht zurückgewinnt und im bzw. durch das Medium der Literatur die als unheilbar („incurables“) erfahrenen Wunden in produktiven Widerstand überführt.

Tim Christmann


1. Vgl. hierzu u. a. Gonzalo Álvarez Chillida und Rosa María Pardo Sanz, „La independencia de Guinea Ecuatorial: el hundimiento de un proyecto neocolonial (septiembre de 1968 a mayo de 1969)“, Hispania 82, Nr. 270 (2022): 201–232, sowie Justo Bolekia Boleká, Aproximación a la historia de Guinea Ecuatorial (Amarú, 2003). 
2. Filipe Ribeiro de Meneses, „The Idea of Empire in Portuguese and Spanish Life, 1890 to 1975“, in The Routledge Companion to Iberian Studies, hrsg. von Javier Muñoz-Basols, Laura Lonsdale und Manuel Delgado (Routledge, 2017), 401–412, hier 411.
3. Vgl. Jefatura del Estado, „Ley 20/2022, de 19 de octubre, de Memoria Democrática“, in BOE-A-2022-17099, abgerufen am 29. April 2026, https://www.boe.es/buscar/pdf/2022/BOE-A-2022-17099-consolidado.pdf.
4. Der Ausdruck recuperación de la memoria histórica („Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses“) ist in Spanien die gängige Bezeichnung für die Aufarbeitung des Bürgerkrieges und der anschließenden Franco-Diktatur.
5. Rosa María Pardo, „La décolonisation de l’‘Afrique espagnole’: Maroc, Sahara occidental et Guinée équatoriale“, in L’Europe face à son passé colonial, hrsg. von Olivier Dard und Daniel Lefeuvre (Riveneuve, 2008), 169–195, hier 183.
6. Gustau Nerín, Guinea Ecuatorial, historia en blanco y negro: Hombres blancos y mujeres negras en Guinea Ecuatorial (1843–1968) (Península, 1998), 11.
7. Donato Ndongo-Bidyogo, „El marco“, in Antología de la literatura guineana, hrsg. von Donato Ndongo-Bidyogo (Ed. Nacional, 1984), 11–46, hier 29.
8. Djongele Bokokó Boko, „Epílogo: Hoy sigue como ayer“, in Guinea Ecuatorial, memorándum: Medio siglo de terror y saqueo, hrsg. von Max Liniger-Goumaz (Sial, 2013), 251–257, hier 257.
9. Donato Ndongo-Bidyogo, „Ser escritor negro en España: Ensayo“, Research in African Literatures 48, Nr. 3 (2017): X–XIV, hier XII.
10. Donato Ndongo-Bidyogo, „La escritura como catarsis: literatura y realidad“, in África y escrituras periféricas: Horizontes comparativos, hrsg. von Landry-Wilfrid Miampika (Verbum, 2023), 259. 
11. Juan Balboa Boneke, El reencuentro: El retorno del exiliado (Ed. Guinea, 1985).
12. Donato Ndongo-Bidyogo, Los poderes de la tempestad (Morandi, 1997).
13. Joaquín Mbomío Bacheng, Huellas bajo tierra (Centro Cultural Hispano-Guineano, 1998).
14. José Fernando Siale Djangany, Autorretrato con un infiel (El Cobre, 2007).
15. José Ma Ntutumu Mbá Bindang, „¡Quiero ser libre!“, in Obras ganadoras del Certamen Literario 12 de Octubre, Día de la Hispanidad, 2015, hrsg. von Centro Cultural de España en Malabo (CCE Malabo, 2016), 12.


Christmann, Tim: „Äquatorialguinea.“ Reparieren. Glossar kultureller Praktiken der Reparation, 4. Mai 2026, https://cure.uni-saarland.de/mediathek/glossar/aequatorialguinea/.


Dr. Tim Christmann

Tim Christmann ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Spanisch an der Universität des Saarlandes. 2024 wurde er mit einer an der Schnittstelle von Hispanistik, Afrikanistik und Traumastudien situierten Arbeit über Diktaturfiktionen aus und über Äquatorialguinea promoviert (ausgezeichnet mit dem Dr. Eduard-Martin-Preis). Von 2016 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Dr. Janett Reinstädler, anschließend Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seine Forschungs- und Publikationstätigkeiten bewegen sich im Feld der Trauma- und Memoriastudien, der postkolonialen Studien sowie der zentralamerikanischen Literaturen des 20. und 21. Jahrhunderts.

 

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